Eine Bühne für Minidramen

Von Jochen Arlt. General-Anzeiger v. 3./4. Mai 2003

„Sie sagen sie stellen mich dar / Sie zeigen mir die Garderobe ihrer Schmerzen / in einer aufgelassenen Sakristei.“ Gesten, Schreie -- „Außer Rufweite“. So der Titel des erlesen-stilvoll dargebotenen neuen Gedichtbandes von Gisela Hemau. Es ist bemerkenswert, wie die in Bad Godesberg lebende Autorin in ihrem vierten Einzelband jegliche Konzession an den Leser meidet. Die Rigorosität, die „Außer Rufweite“ demonstriert, zeigt sich auch in der äußeren Form der Verse, Metren, Reime und überhaupt allen Wolkenzauber -- Hemau macht keinen Gebrauch davon. Eine Tatsache, hinter der sich ein hoher künstlerischer Anspruch verbirgt.

Die Kurzformen sind dabei weit entfernt von allgemein verbindlichen Denkzusammenhängen; für die Lebenspraxis nützliche Maximen sind kaum aufzuspüren. Überdies ist Hemau weit entfernt davon, eine Ich-Lyrikerin zu sein, die den Leser mit eckigen Botschaften subjektiver Erlebnisse überraschen möchte. Vielmehr zeigt sie Respekt vor der Sprache. Wie die Dichterin in der scheinbar monochromen Landschaft ihrer Strophen stets aufs Neue die Farbnuancen wechselt, wie sie unaufhörlich Abweichungen, Minidramen auf eine Bühne schafft, dies verrät Virtuosität.

Gisela Hemau: Außer Rufweite.
Verlag Königshausen & Neumann,
Würzburg. 136 S. 14 Euro.