Roberto di Bella. In: Stadt Revue - Köln Magazin v. Juni 2003, S. 81

Mein Körper ein Umriss

Leises und Katastrophisches: Gisela Hemaus neuer Lyrikband Außer Rufweite

Es ist eine Lyrik der vorsichtigen Schritte. Tastend erkunden die Subjekte hierin, Wort für Wort, ihr (Sprach-)Gelände, das allzu oft ein abschüssiges ist. Gisela Hemaus gedichte besitzen eine starke imaginative Energie. Sie rufen sogleich klare Vorstellungen hervor, die sich dennoch nicht in eins fügen lassen wollen. „Lichtstreifen alles ist gestreift / Den Tag lang / das Zebra / der Begierde / es frißt den Schatten / der Fliegen / und bewacht / die Frau auf dem Bett / deren Arm- und Beinstümpfe / mit der Höhe des Sonnenstands / wachsen“ (Hinter der Jalousie). Man fühlt sich an die Bilder eines Dalì oder Max Ernst erinnert, deren Namen dann prompt auch fallen. Überhaupt ist das Bildreservoir der Moderne hier häufig Anstoß des Schreibens.

Mortefakt war der Titel des ersten Lyrikbandes, mit dem die studierte Literaturwissenschaftlerin bereits 1974 debütierte. Nach den Bänden Gitter mit Augen und Abschüssiges Gelände ist Außer Rufweite ihr vierter Band. Trotz dieser kontinuierlichen poetischen Arbeit von mehr als 25 Jahren sind die Texte der in Bonn lebenden Autorin in der deutschsprachigen Szene bis heute wenig bekannt.

Das Ich ihrer Lyrik ist eine gefährdete Endspiel-Existenz, sein Körper „ein Umriß der sich / langsam auflöst / verliert / Am Rand oben / ist noch ein Auge / intakt [...] Hätte ich eine / Erinnerung an / meinen Körper / so fände ich / mit ihrer Hilfe / in ihn zurück“ (Chiffriert). Die Erfahrung des Eingeschlossenseins gehört zur Grundeinstellung dieser Texte. Vorsichtig versuchen die Subjekte, gefangen auch in den eigenen Bewusstseinsschleifen, sich in der Sprache Wirklichkeit zu schaffen. Etwas klischeehafte Verse wie „Die Gleise die ich entlanggehe / glänzen in einem vergessenen Mondlicht“ sind dabei glücklicherweise die Ausnahme in einem ansonsten sehr kohärenten Stil.

Dabei wird viel geschrieen, Katastrophisches ereignet sich in und auch zwischen den Strophen. Doch die Schreie sind außer Rufweite, und die Texte reflektieren nur die unbeholfenen oder trancehaften Gesten im akustischen Vakuum. Ein Gedicht könne man auch als eine Art Traum betrachten, so Gisela Hemau, „aber es ist kein unsinniger oder unverständlicher Traum. Seine Bedeutung wird dem Leser durch die Konstruktion des Gedichtes mitgeteilt“. Es ist eine Lyrik des „als ob“, die in den Zwischenwelten agiert, oft „prosaisch“, doch hierbei mit der nüchternen Präzision eines Kleist'schen Satzes vorgehend: „Die Sicht hört auf / Weit draußen / ausgespart / noch ein Umriß / der so lange / ein Boot / ist / als das weißhäutige / Dunkel sich ausgibt / als See“ (Vorspiegelung).

Gisela Hemau: Außer Rufweite.
Königshausen & Neumann,
Würzburg 2003. 14 Euro.