7. November 2003

Stückweise verschwindet er
zwischen den Zähnen

Lesung Gisela Hemaus Lyrik im Kunstmuseum Bonn

Von Sabine Wygas

Bei der Bonner Lyrikerin Gisela Hemau gilt: Weniger ist mehr. Da braucht es keine künstlichen Wortgebilde oder verbale Schnörkel. Denn die natürliche Vielseitigkeit von Wörtern spricht für sich. „Es sind die Wörter, die die Gedanken hervorbringen, und nicht umgekehrt“, meint Hemau bei ihrer Lesung in der Reihe „Punkt Sieben!“ im Bonner Kunstmuseum.

Und so zeigt sie vermittels Auszügen aus ihrem neuen Gedichtband „Außer Rufweite“ und den drei Vorgänger-Werken, worauf es ankommt: Allein durch gekonntes Kombinieren der richtigen Wörter entsteht eine sprachliche Mehrdeutigkeit, die den Gedankenfluss des Lesers anregt. Und genau die führt dann auch direkt zu den Inhalten ihrer Gedichte. Denn es ist diese Vieldeutigkeit, durch die der trügerische Schein der Verlässlichkeit zu bröckeln beginnt. Nichts ist so, wie es sich auf den ersten Blick darstellt. Ob Beziehungen zwischen Menschen, ob Kunstwerke oder auch ganz banale Alltagssituationen, alles ist ständigen Veränderunen unterworfen -- in einem Moment fassbar, im anderen schon wieder entglitten.

Hemau anttarnt die gewohnten Sichtweisen als Illusionen, selbst ein Spiegel gaukelt dem Betrachter am Ende doch nur eine Scheinwelt vor. „Er steht vor dem Spiegel, plötzlich formt sich aus dem Zinken das Gebiss eines Raubtieres, ohne dass er es sieht, stückweise verschwindet er zwischen den Zähnen“, liest sie. Hemau trägt einige Gedichte gleich mehrmals vor. Erst durch das laute Vorlesen könne sich der Zuhörer auf den Klang und den Rhythmus der Worte vollkommen einlassen. Doch die Künstlerin geht mit ihrer Stimmkraft oft so sparsam um, dass dies manchmal leider nicht möglich ist. Die letzten Zeilen der Gedichte versickern oft in einem zarten Flüstern.

Und nicht zuletzt die Technik macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Denn das Mikrophon schafft es nicht, ihre Worte bis an die Ohren der letzten Reihen zu transportieren: Man kann sich eben auf nichts verlassen.