Melanie Weidemüller (1998) über: Gisela Hemau. Abschüssiges Gelände.

Ein Gedicht kann man auch als eine Art Traum betrachten, sagt die Lyrikerin Gisela Hemau, „aber es ist kein unsinniger oder unverständlicher Traum. Seine Bedeutung wird dem Leser durch die Konstruktion des Gedichtes mitgeteilt.“ An dieser Konstruktion arbeitet die Autorin so lange, bis das Wortkunstwerk nach vielen Stufen der Bearbeitung schließlich einen höheren Ausdruck von Natürlichkeit erreicht. Es sind gerade die klare Einfachheit und die Finalität der gefundenen sprachlichen Gestalt, die die Gedichte der Bonner Lyrikerin Gisela Hemau kennzeichnen. Bei aller Schönheit und Vollkommenheit der Form laufen sie dennoch nie Gefahr, als schöne aber tote Kunstprodukte den Zusammenhang mit dem Leben zu verlieren. Vollkommenheit meint hier nicht das zeitlos Schöne, vielmehr die vollkommen dem Inhalt angemessene Form -- angemessen einem Inhalt voll schrecklicher Erfahrung. Das Gefährdetsein und die Unbehaustheit unseres Lebens, die Bedrohtheit von Ich und Welt -- das ist die existentielle Grunderfahrung, die den Gedichten als schmerzhafte Wahrheit eingeschrieben ist. Gisela Hemau, die der gleichen Generation angehört wie die sehr viel bekanntere Sarah Kirsch, verfügt über eine ähnlich tiefe Sensibilität für die Brüchigkeit menschlicher Existenz. Diese wird erfahren in Momenten des Verlusts, der Bedrohung, der Trennung und Isolation. Bei Gisela Hemau werden solche Momente in klaren, oft verstörenden Bildern festgehalten, mit einer Haltung stillen Ausharrens und unsentimentaler Trauer. Was ihre Lyrik aus der Masse mittelmäßiger Gefühlspoesie mit ähnlichen Themen hervorhebt, ist zum einen die strenge sprachliche Präzision, zum anderen die wirklich erfreuliche Tatsache, daß nicht endlos die subjektive Befindlichkeit des eigenen Ich ausgebreitet wird. Stattdessen geht es ihr darum, wie sie selbst sagt, „im Gedicht Wirklichkeitserfahrung herzustellen.“

Aus ihrem neuesten Lyrikband Abschüssiges Gelände stammt das folgende Gedicht Am Fluß unten:

Es ist befremdlich
wie mir
seitdem wir uns hier
umarmten das Schilf aus
der Haut wächst
und die Beine umschlingt
Und dann die lächerliche
Verzweiflung der Hände
die schneiden und schneiden
wie sonst denn könnte ich
fort

Mortefakt war der Titel des ersten Lyrikbandes, mit dem die studierte Literaturwissenschaftlerin 1974 debütierte. Nach der zweiten Veröffentlichung Gitter mit Augen erschien 1995 der letzte Titel, Abschüssiges Gelände, im Königshausen & Neumann Verlag.

Diese Sammlung umfaßt 67 Gedichte, manche von äußerster Kürze bis hin zum längsten mit 20 Versen. Sie gehen von visuellen Eindrücken aus, von wahrgenommenen, eingebildeten oder geträumten Bildern, und stellen im Gedicht, mit Mitteln der Sprache, wieder optische Bilder her. Es sind Bewegungsbilder, Bilder von Bewegungen im Raum und Bewegung der Zeit. Manche zeichnen Alltagssituationen nach, andere Natur, viele den Menschen in seinen gestörten Beziehungen. Gestört ist nicht nur sein Bezug zum anderen und zur Welt, auch das eigene Ich droht im Abschüssigen Gelände zu entgleiten. Auf solch unsicherem Boden gibt es keine Sicherheit, nur diejenige des unausweichlichen Todes. Trotz dieser nüchtern-schrecklichen Bilanz der Art unseres Seins ist die Lektüre durchaus nicht immer dunkel und schwer; sie wird aufgehellt -- und überhaupt erträglich -- durch viele überraschende Einfälle, surrealistische, zuweilen sehr komische Bilder und groteske Situationen, sowie viel feinen Sprachwitz und ironischen Humor.

Im Gedicht Eines Tages werden die Zinken eines Kamms plötzlich zum Gebiß eines Raubtiers und Er, er der sich kämmt, verschwindet zwischen den Zähnen -- in einem anderen ist es möglich, daß eine Straße vom Berg fällt oder der Berg verschwindet und die befahrene Straße in der Luft schwebt ...

Viele Gedichte machen den Körper zum Thema, die Bedrohung wird hier am eigenen Leibe erfahren. Der Körper wird „dünn und fremd“, zerstückelt, er hört einfach auf wie im Gedicht Verschüttung, oder er schrumpft und irrt als Kind in einer verlassenen Landschaft umher.

In einer anderen Gruppe von stark vermittelten Gedichten werden Kunstobjekte reflektiert oder das sprechende Ich hält Zwiesprache mit ihren Schöpfern. Dem Leser wird es oft nicht möglich sein, jene Bedeutungsschichten zu erschließen, die eine genaue Kenntnis des Bezugswerks voraussetzen. Dafür müßte er, neben den heute kaum gelesenen Romanen Emmanuel Boves, zum Beispiel Adalbert Stifter kennen, der im Gedicht Stifter das sprechende Ich als eine seiner „zu Tode verlobten Jungfrauen“ aussucht. Er müßte die Werke Piero della Francescas kennen, die Bilderwelt Morandis, Watteau-Baudelaires Kythera, die Bilder Cézannes und die berühmte Pelztasse von Meret Oppenheim; und damit seien nur einige der einbezogenen Werke genannt. Die Autorin hat jedoch den Anspruch, das diese Gedichte auch ohne Rückgriff auf eine Menge „Bildungsbalast“, wie sie es formuliert, gelesen werden können. Bis auf einige Ausnahmen ist das tatsächlich der Fall.

Im Gedicht Malewitsch wird bei der Betrachtung eines abstrakten Bildes des russischen Konstruktivisten früher Gesehenes erinnert und ein Blick in die Zukunft geworfen:

Sein schwarzes Kreuz markiert
wenn ich dort bleibe
das Quadrat in dem er
der regelstrenge Mönch des Möglichen
mich und sich auslöscht
Ich sehe noch den nach oben
gerückten Kreis
Wie lange das her ist
daß er ihn abgeleitet hat
von der Sonne
Ich weiß der Kreis bedeutet nichts
in der eigenschaftslosen Kälte
die zunimmt

„Die Bedeutung wird dem Leser durch die Konstruktion des Gedichtes mitgeteilt.“ Dieser Satz der Autorin betont nicht nur die sprachliche Gestalt, er sagt auch, daß die Gedichte Bedeutung haben und grundsätzlich verstanden werden können. In der deutschen Gegenwartslyrik, wo die Alternative oft zwischen völlig dunkel-hermetisch oder allzu schlicht zu bestehen scheint, sind Gisela Hemaus Gedichte eine schöne Ausnahme. Sie zeigen, daß Lesbarkeit nicht auf Kosten des Niveaus erreicht werden muß. Ob ihre Lyrik sich doch noch aus dem ewigen Schicksal eines Geheimtips wird befreien können, bleibt abzuwarten.
Regen Regen Regen:
Eine Regenmarionette
hängt herum
Zwischen ihr und dieser leblosen
Wolke
nur Schnüre
Keine Nachricht.