Die ersten Jahre

Marc Aurel Jesus Weinberger, mein Bester! [...] Nie wolltest Du den metaphysischen Haß mir verzeihen, der stets wie ein schillerndes Fettauge auf der gemeinsamen Suppe unserer Freundschaft schwamm, nie hast Du dieses Auge mir verziehen und es mit Deinem persönlichen Löffel ärgerlich fortgeschoben, wenn es vertraulich zu Dir hinüber wollte. Wie oft gerieten wir in Mißverständnisse ob dieses funkelnden Auges. Erinnere Dich nur, wie wir empört mit unseren Eßgeräten schlugen und feindselig in der Suppe stocherten. Du ob Deiner gekränkten Menschenliebe schwangst den Löffel wie einen Feldherrenstab des Friedens, Marc Aurel, und ich, mein metaphysisches Auge beschützend, als mißgelaunter Dämon der Gesellschaft, erregte ärgerliche Wellen. (Hadwiger, 1910)

Zwei Prager Dichter am Ende des 19. Jahrhunderts hinterfragten ihre Zeit und sollten Vorläufer der Moderne werden: Victor Hadwiger und Paul Leppin. Das Werk des einen, Victor Hadwigers, als vor-expressionistisch anerkannt, war geprägt von dem im zitierten Text erwähnten „metaphysischen Haß“, das Werk des anderen, Paul Leppins, des Marc Aurel Jesus Weinbergers, dagegen war erfüllt von der Hoffnung auf Erlösung. Er wurde Anwalt der an der Peripherie Lebenden, denen das Leben zusätzliche Bürden auferlegt hatte, und derjenigen, die die Wirrnis des Lebens bewusster erfuhren. Dies trifft auf alle Werke der ersten Jahre zu, auf die Thüren des Lebens, auf das Gedichtbuch Glocken, die im Dunkel rufen und auf seinen Roman Daniel Jesus.

Zu fassen war dieses Erleben nicht durch rationale Analyse der Gesellschaft und minutiöses Berichten, sondern nur durch die Einfühlung, die Erfahrungen stilisierend, poetisierend. In einem Aufsatz über den Dichter Königsbrun-Schaup beschrieb Leppin selbst diesen Stil seiner Generation:

Die Kunst unserer Väter ist eine Kunst der Plastik und der Linie gewesen, eine Kunst der Form und des Gedankens. Wir jungen Leute haben eine unplastische und in den Konturen verbleichte, eine Kunst des Suggestiven und der Impression zu der unsrigen gemacht. Sie ist geradeso weltabgekehrt wie unsere Sehnsucht. Sie ist innerlich und ohne Aufdringlichkeit in ihrem Wesen. Und das kommt daher, weil wir Jungen und Jüngsten fast alle nur Lyriker sind, ohne den Wunsch und den geheimes Imperativ zu einer größeren Tat. Die Skizze und das Gedicht sind unsere Kunstformen geworden. Ein Stückchen Farbe und ein Stück Traum, aber nie ein ganzes Leben mit dem bedeutsamen Einerlei seiner Tage und Stunden, mit seinen Symbolen und der subtilen Pragmatik seiner Schicksale. Wir vermögen nur den Extrakt aller dieser Dinge zu geben und darum hat auch selten jemand von den Jung-Modernen einen Roman geschrieben. (Leppin, 1900)

Leppins Erstlingswerk Die Thüren des Lebens ist das ideale Beispiel für seine Ausführungen, denn es entspricht vollkommen seiner Behauptung, die „Jungen und Jüngsten [seien] fast alle nur Lyriker.“ Camill Hoffmann bemerkte deswegen ganz richtig in seiner Besprechung des kleinen Werks: „Die Kapitel sind musikalische Kompositionen oder Gedichte, Romanzen und Balladen: es wundert einen gar nicht, wenn man einmal eines wirklich in Versen und Reimen antrifft. Es ist dann die zusamennfassendste, visionärste, lichtvollste Stelle, - als hätten sich die 'Thüren des Lebens' aufgethan." (1902/03) So erschafft Leppin auch keine Charaktere, sondern Schemen, die Handlung ist nur das Skelett, das der Dichter noch benötigt, um den Stimmungen und Gefühlen einen Halt zu geben, damit sie sich frei entfalten können. Die Erzählgegenwart und Erinnertes, Reales und Gespieltes treten gleichberechtigt nebeneinander, verschmelzen ineinander. Die Sprache soll nicht kommunizieren, sie soll evozieren, die Erregung des Dichters, nicht Tatbestände, nicht rationale Gedanken sollen dem Leser übermittelt werden. „Die Kunst als Selbstzweck hat ihre Merkmale darauf geprägt, die Poesie der verwischten Linien, der prunkenden und doch verschleierten Worte, der romantischen, überschwänglichen Gefühle, das 'clair-obscur' in der Literatur.“ (C. Hoffmann, 1902/03)

1899

Als Paul Leppin als Einundzanzigjähriger seine ersten Publikationen vorlegte, war der Mittelpunkt des deutschen Literaturbetriebs in Prag der Verein Concordia, beherrscht von dem Prager Journalisten und Literaturwissenschaftler Alfred Klaar, der aber in diesem Jahr nach Berlin übersiedelte. Charakteristisch für die Kunstszene war das Werk von Hugo Salus, in dem sich Progressives und Impressionistisches mit Konservativem vermischte, Ironie und Zynismus mit Sentimentalität paarte, und die dem deutschen Nationalismus verpflichtete neoklassizistische Dichtung Friedrich Adlers, dessen Bedeutung aber vor allem in seiner Übersetzungstätigkeit aus dem Tschechischen gründete. Die jüngere Generation, die sich ausgeschlossen fühlte, hatte sich unter der Bezeichnung »Jung-Prag« um Oskar Wiener geschart (Wiener, 1922, S. 35) und sahen ihr Forum in dem 1895 gegründeten Verein deutscher bildender Künstler in Böhmen, der in einem kleinen Hofzimmer des Deutschen Hauses am Graben, dem Kultur-Zentrum der Deutschen, jeden Donnerstagabend tagte (Schmitz/Udolph, 2001, S. 33). Wiener bemerkte zu der Gruppe: „Es waren etwa zehn ganz junge Leute, die nicht den studentischen Kreisen angehörten und daher von der Presse und der Prager deutschen Gesellschaft nicht ernst genommen wurden. Sie schwärmten, schrieben Verse und standen mit dem Bürgertum auf Kriegsfuß. Mehrere davon sind jung an Jahren gestorben, andere verschollen oder haben die Kunst an den Nagel gehängt und bürgerliche Berufe ergriffen. Der Poesie treu geblieben bin nur ich und Margarete Beutler, die damals als Erzieherin in Karlsbad lebte. Auch Hugo Steiner, jetzt Professor an der Akademie für graphische Kunst in Leipzig und Bildhauer Karl Wilfert d. J. gehörten 'Jung-Prag' an, das sein Hauptquartier im Café 'Renaissance' hatte." (Wiener, 1918, S. 1) Café Renaissance lag unweit des Deutschen Hauses in der Südfront des Grabens (siehe Binder, 2000, S. 223). Hier war auch ihr Beschluss gefasst worden, Detlev von Liliencron nach Prag einzuladen, der dann am 18. Mai 1898 seine erste Vorlesung in Prag hielt. Leppin zählte zu dieser Zeit noch nicht zu diesem Literaten- und Künstler-Kreis und bemerkte über sie später:

„Jung-Prag“ erzielte keine nachhaltige Wirkung. Die Handvoll Leute, die den Rummel in Szene setzten, standen zumeist nur in einer platonischen Beziehung zur Zunft. Junge Kaufleute und Literaturgigerln, die ohne innere Nötigung an die Kunst geraten waren, bildeten den Kern der Gruppe. Der übliche Hokuspokus, den sie veranstalteten, fand weder den Applaus des Publikums noch der Presse. Da kein ungewöhnliches Talent die Gefolgschaft bannte, verebbte der Sturm im Wasserglas. Die Dichter verliefen sich in ihre Kontore, und kein sichtbares Zeichen hinterließ ihre Wirksamkeit, als hie und da ein paar vereinzelte Reime in einer schöngeistigen Zeitschrift, die ganz manierlich dreinblicken, wenn man sie heute ans Tageslicht stöbert. Nur der Jahrgang der Damen, die damals den Backfischzopf flochten, bewahrte die Erinnerung an einen oder den anderen des Kreises: an Paul Porges, dessen schwermütige Verse vielfache Erwartungen im Stiche ließen, an Walter Schulhof, der die Krawatte 'Es fallen die Blätter' getragen hatte. ... Immerhin war das Erdreich gepflügt, das künftigen Generationen das Wachstum gestattete. Der Prager Atmosphäre war das beklemmende genommen und in den nächsten Jahrzehnten was es sogar möglich, einer Boheme Raum zu schaffen, die ohne die Sakrilegien der Jung-Prager nicht tunlich gewesen wäre.

Und im Zentrum dieser Boheme standen am Anfang Victor Hadwiger und Paul Leppin, denen sich auch viele der ehemaligen Jung-Prager anschlossen. So nahm Leppin in seine erste Publikation, die er als Redakteur herausgab, neben einem eigenen Gedicht auch Gedichte einiger seiner Freunde auf -- Camill Hoffmann, Oskar Wiener und Margarete Beutler. Die Frühlingsschrift war eine Festzeitung des alljährlichen Juni-Festes des Vereins der Deutschen in Prag-Weinberge, wo Leppin bei seinen Eltern wohnte. Die Aufgaben als Redakteur waren ein guter Einstieg für einen jungen Literaten, musste er sich doch mit vielen etablierten Literaten in Verbindung setzen und konnte so neue Kontakte knüpfen, zum Beispiel zu Ludwig Jacobowski, dem Herausgeber der Halbmonatschrift Gesellschaft. Und da Leppin nicht nur die deutsche literarische Szene kannte, sondern auch ihm die tschechische Kunstszene vertraut war, war er der geeignete Vermittler zwischen den Kulturen.