1905

Ein Skandal

Vor der Tür eines Vorsaals banden ihr zwei Diener eine Maske vor die Augen. Ein Faschingsfest im Frühling, dachte Marta Bianka und öffnete die Türe in den Saal, in dem eine jauchzende Tanzmusik lockte, sehnsüchtig und wundervoll, heiter und träumerisch, als ob bunte Perlen von den Fiedelbogen zur Erde rollten, schmerzlich und schwärmend, Liebeslieder, in denen Glut, Andacht und Verlangen brannte, die süß warem, wie die Küsse einer Frau. Helles Licht umfing sie. Sie mußte die Augen schließen und tastete hilflos mit den Händen nach der Wand. Als sie aufsah, sah sie den weiten, silbernen Saal mit Blumen und Lichtern, mit schimmernden Glastränen an den Lüstern und farbigen Kristallen vor den Flammen. Die Musik spielte unsichtbar hinter einem Vorhang wie in einem Zauber. In der Mitte des Saals saß Daniel Jesus auf einem scharlachfarbenen Thron neben einer nackten, ungheuern Frau, die das Haar wie eine Krone gebunden hatte und mit leuchtendem Gesicht den buckligen Jesus ansah. In der Runde tanzten die Menschen toll und erhitzt im Rausche, den die Musik über die Herzen brachte, der schwer und rot wie die Liebe ihr Blut überkam beim Tanze. Alle Weiber trugen eine Maske und waren nackt wie die große Frau in der Mitte auf dem Thron. Das grelle Licht der tausend Kerzen funkelte auf der weißen Haut, die feucht und matt geworden war in den lüsternen Stunden des Abends wie der Opal, der in den Ohrgehängen der Gräfin glomm, die Marta Biankas Augen jetzt im Gewühle der Gäste gefunden hatten. Ein langer, wasserblauer Schleier umflog ihren Leib, dessen gelbe Glut sich seltsam von dem Milchglanz der andern abhob. Ein goldner Ring hielt das Gewebe am Halse zusammen, dort wo die rote Narbe wie ein Riß durch die dunkle, klopfende Ader ging. Die knochigen Hände Valentins, der mit der Gräfin tanzte, hatten breite Lücken in ihren Schleier gerissen, daß sie mit nackten Brüsten und mit nackten Schenkeln in seinen Armen hing, geradeso wie die andern Tänzerinnen, die Marta Bianka nicht erkannte. -----

Hier wird die Kernszene von Stanley Kubricks Film Eyes Wide Shut (1999) beschrieben, die über Arthurs Schnitzlers Traumnovelle (1926), Zuschauer am Ende des 20. Jahrhundets verwirrte wie einst die Leser von Paul Leppins Roman Daniel Jesus (1905) am Anfang des Jahrhunderts.

Lyrik

1905 beginnt im Januar mit der Veröffentlichung der Gedichte von Hedda Sauer: “Wenn es rote Rosen schneit” (Born et al., 2000, S. 21) und auch Leppin veröffentlicht neue Gedichte.