"Aus Jungprager Gründerjahren." In: Prager Presse III.82 (25. März 1923): 11.

Aus Jungprager Gründerjahren

Zwischen Zeitungsausschnitten, Briefen, Belegexemplaren, die ich nachdenklich verwundert durchstöberte, weil sie lange Entschwundenes großsprecherisch wieder ans Licht blätterten, ist mir dieser Tage auch ein blaues Heft in die Hände geraten, das mich schelmisch-vertraut wie ein guter Bekannter anblinzelte und aus den alten Papieren verstaubt, aber munter hervorkroch. Es war die erste Nummer einer Zeitschrift, mit deren Herausgabe ich in Gemeinschaft mit einigen jungen Malern und Literaten im April des Jahres 1906 begonnen hatte und die den hochgemuten Namen „Wir. Deutsche Blätter der Künste“ führte.

Eine wunderschöne Zeit der Erwartung, der Kampffreudigkeit, unschuldig geblähter Eitelkeiten kam mir mit einem Male wieder ins Gedächtnis. Redaktionssitzungen mit lieben Kumpanen und Freunden, die nachmittags im Kaffeehause begannen und spät in der Nacht in zweifelhaften Kneipen ein anrüchiges Ende fanden.

Es muß wohl so etwas wie ein Naturgesetz geben, das unter gleichen Umständen gleichartig wieder zu Tage tritt und an das man ehrfürchtig schmunzelnd nicht tippen soll: Wo junge Dichter und Kunstgenossen beim Schnaps oder schwarzen Kaffee zu ähnlichen Zielen zusammenfinden, dort wollen sie eine Zeitschrift herausgeben. Das allgemeine Bedürfnis, mit dem Neugründungen dieser Art in den Einführungsworten ihr dasein entschuldigen, scheint bei den unmittelbar Beteiligten wenigstens in der Regel wirklich vorhanden zu sein. Der Trieb der Jugend, Revolutionen zu machen, ist wohl bei solchen Anlässen der entscheidene Faktor. Aber auch die Sucht, sich aufzuspielen, die schlappe Hülle der eigenen Bedeutungslosigkeit gravitätisch aufzublasen, die untilgbare Lust an der Reklame finden sich neben edleren Motiven mehr oder weniger vordringlich ein. Vor allem aber ist es das Reizvolle des Betriebes, die bunte Korrespondenz, die sich in seinem Gefolge einstellt, das Hantierendürfen mit fremden Manuskripten, das Geheimnis des Umbruchs, die Wollust des Imprimatur, die unwiderstehlich zu locken vermögen und die den Traum, eine eigene Zeitschrift zu besitzen, im Hirne beginnender Lyriker und ihrer Trabanten immer aufs neue erzeugen.

Schon in den Jahren vorher, als blutjunger Vorkämpfer zwiespältiger Kunstgefühle, die unter dem Schlagwort „Moderne Romantik“ wenig erschöpfend zusammengefaßt werden konnten, hatte ich von vielen Seiten gedrängt „lyrische Flugblätter“ unter dem Titel „Frühling“ erscheinen lassen. Der technische Apparat, der bei dieser Gelegenheit in Bewegung gesetzt wurde, war ein wenig komplizierter. Wir hatten irgendwo in der Vorstadt eine kleine Druckerei ausfindig gemacht, die uns die geringfügigen Kosten vertrauensselig stundete. Die gelieferten Blätter trug ich dann selbst zu den Buchhändlern, vereinbarte Preis und Prvision und wenn mich in der Folge periodisch wiederkehrender Bargeldmangel an meine „Außenstände“ erinnerte, erschien ich unvermutet wieder und forderte die Abrechnung. Es ist klar, daß unter diesen Umständen das kleine Unternehmen völlig passiv bleiben mußte und zur aufrichtigen Betrübnis der Hinterbliebenen in seiner Blüte einging. Immerhin denke ich gern und mit Genugtuung an diesen „Frühling“, dem wir unsere besten Verse anvertrauten und der sich mit Kopfleisten und Zierbildern Hugo Steiners geschmückt, nett und manierlich präsentierte. Der Kreis der Mitarbeiter ging über die nächsten Angehörigen unserer Gruppe nicht hinaus, Oskar Wiener steuerte seine kräftigen Balladen, Camill Hoffmann seine melancholischen Strophen bei und Margarete Beutler, de sich damals noch immer unentwegt zu den Prager Dichterinnen rechnete, erfreute durch die leidenschaftliche Grazie ihrer Liebesgedichte. Von Fernerstehenden wurde eigentlich nur Rainer Maria Rilke zugezogen, dem ich ein besonders hübsch und sorgfältig ausgestattetes Sonderbüchlein widmete.

Hatte ich mit meinen Flugblättern, die zu zwanglos gewählten Terminen gedruckt wurden, eine Form gewählt, die sich an ebenso unsicher fundierte wie kurzlebige Vorbilder anlehnte (Rilke hatte in seiner Prager Zeit entzückend frische „Wegwarten“ herausgegeben), so beanspruchte die Zeitschrift „Wir“ inhaltlich und programmatisch sowie dem Stil ihrer ganzen Aufmachung entsprechend den Rang einer kritisch-literarischen Kunstrevue. Wir verstiegen uns sogar so weit, der Auflage des ersten Heftes ein Kunstblatt von Richard Teschner und eine Karikaturbeilage des jungen, bald nachher frühverstorbenen Max Horb anzuschließen. Der literarische Teil brachte Gedichte von Rilke, Hoffmann und Hadwiger sowie Proben aus einem Zyklus „Die Frau“ der slovenischen Dichterin Zofka Kveder. Diese Frau, die damals mit uns verkehrte, deren menschlich bedeutende Art wir schätzten und liebgewannen, ist nun schon seit mehr als anderthalb Jahrzehnten für ihre Freunde von damals gründlich verschollen. Ich habe nun wieder in dem alten „Wir“-Hefte, das mir eine Laune in die Hände spielte, ihre aufrührerische, geniale, in Not und Erkenntnis wundervoll anklägerische Skizze von dem Selbstmord der jungen Frau gelesen, die schön und umschwärmt, reich und verwöhnt einen Mann besaß, noch in den besten Jahren, der gar nicht übertrieben fett war und die dennoch ins Wasser mußte. Und ich kann nicht begreifen, daß eine Frau, mit dichterischer Gewalt solcher Art begnadet, inzwischen nicht lange schon auf dem Postamente steht, auf dem die berühmten Schwestern sich drängen, die Zapolska und andere, die mit dieser die Literatur erorberten. Ihr klares Gesicht, ihre aufrecte, kraftvolle Gestalt steht deutlich vor meinen Augen; vielleicht ist der Zufall mir hold, vielleicht trägt ein günstiger Wind mit diesen Zeilen einen Gruß aus vergangenen Zeiten zu ihr in die Ferne.

Die Aufnahme, die unsere Zeitschrift bei der heimischen Tagespresse fand, war keine sehr liebevolle. Ich hatte es mir in den Eingansworten gelegenheitsfroh nicht ganz verkneifen können, dem gesellschaftlichen Nepotismus im Prager Kunstleben ein bischen eins auszuwischen, der damals ungleich wirksamer wie heute allerhand Unzulänglichkeiten den Vorschub leistete. Dadurch erregte ich - ich weiß noch heute nicht in welchem Zusammenhange - das Mißfallen Karl Tschuppiks, der einen derben Rüffler ungewöhnlichen Formats gegen mich losließ und mir im „Prager Tagblatt“ tüchtig die Leviten las. Der Zwischenfall ist später auf unsere persönlichen Beziehungen erfreulicherweise ganz ohne Einfluß geblieben; ich habe in Tschuppik immer einen ehrlich beflissenen Kritiker und konzilianten Menschen kennen gelernt. Auch die Ausführungen über „Prager Musikverhältnisse“ unseres enfant terrible Dr. Hans Effenberger fanden unliebsame Beachtung und Richard Batka veröffentlichte in einem Fachjournale einen geharnischten Gegenartikel „Der rasende Jüngling im Prager Kunsttempel.“

Wenn man bedenkt, daß der deutsche Kunst- und Literaturbetrieb zu damaliger Zeit in Prag eine völlig andersgeartete Physionomie zeigte als heute, daß dickflüssige Stagnation der Jugend noch immer den Atem absperrte, daß behäbiges Sichgenügenlassen jeden freien Versuch als Humbug abtat, wird man den Mut und die befruchtende Kraft des Gedankens unserer „Wir“-Blätter gebührlich bewerten. Eben erst, vielen noch unsichtbar, regten sich im Lager der Jüngsten Ideen und Fähigkeiten, die ein paar Jahre darauf Presse und Publikum die Richtung wiesen und Prag zu einer führenden Literaturstadt Deutschlands erhoben. Im zweiten Hefte brachten wir einige schöne Gedichte Max Brods, der noch zu Beginn seiner Tätigkeit stand und gerade sein erstes Novellenbuch im Axel Juncker-Verlag auf den Markt gebracht hatte. Leider hat der mangelnde wirtschaftliche Hintergrund auch unsern „Blättern der Künste“ ein jähes Ende in den Anfängen bereitet. R. Piper in München, dem unser Dr. Effenberger in unserer Bücherschau ein literar-historisches Verlagswerk über Adalbert Stifter in Grund und Boden vermöbelte, reagierte mit einer großen Postkarte darauf und tat zum Schluß (die Ausdrucksweise unseres Kritikus hämisch glossierend) die ahnungsvolle Frage: „Wann werden „Wir“ eines jungen, lächelnden Todes sterben? - Bei Nr. 3 --?“

R. Piper hat Recht behalten. Unsere junge, aus Fülle und Ueberschwang geborene Revue hat ihr drittes Erscheinen nicht überlebt. Aber der Widerspruch, den sie auslöste, der Antrieb, den sie erweckte sind sicher nicht spurlos und ohne Wirkung geblieben. Einer neuen Generation sind die Anrempelungen zugute gekommen, die wir belustigt und verärgert zugleich über uns ergehen ließen und das Aufeinandertreffen unvereinbarer Meinungen hat ohne Zweifel mitgeholfen, den heimatlichen Boden für die Kunst unserer jungen Leute vorzubereiten. Und wenn es nichts anderes gewesen wäre als der Sturm im Glase Wasser: für mich hängen schöne, tauklare Erinnerungen an diesen Blättern, von denen nun nichts mehr übrig geblieben ist als ein vergilbtes Exemplar im Schreibtisch ihres früheren Redakteurs. Ich gedenke mit Dankbarkeit aller Mühe und Arbeitsleistung, die aufgewendet wurden, dem Blatte Gönner und Leser zu werben. Besonders Hans Effenberger, der Tierfreund und Polyhistor, der Mann mit der riesigen Bibliothek und dem monumentalen Schlapphut, war unerschöpflich in den Praktiken eines vorsorglichen Administrators. Auch er zählt unter die Vermißten, untergetaucht im Chaos uferloser Fremde. Während des Weltkrieges kamen Nachrichten von ihm, der damals das Herz für sein Vaterland entdeckte und Leutnant im Generalstab der polnischen Legion geworden war. Nach dem Umsturz wurde er bald in Wien, bald in Berlin gesehn, um endgültig zu verschwinden. Gerüchte erzählten von ihm, er sei in der Warschauer Oper als Sänger aufgetreten, eine Meldung, die wirklich geglaubt wurde, machte ihn einmal sogar zum polnischen Minister. Wie immer ds Schicksal mit ihm verfahren sein mag, er ist ihm gewiß mit Humor begegnet und ist der Alte geblieben. Er trägt wahrscheinlich noch immer den breitrandigen Hut im Nacken und füttert auf den Straßen wie ehemals die Droschkenpferde mit Galapeter. Und wenn er im Drange des Tages daran zurückdenkt, was in den Jahren seines Lebens, in Krieg und Umgestaltung schön und liebenswert gewesen, vielleicht kommt ihm da einmal unversehens auch die Stunde ins Gedächtnis, wo wir mitsammen in der dunklen Ecke der Altprager Weinstube zechten und die ersten Korrekturen unserer Zeitschrift miteinander lasen.

Prager Presse. Jg. Nr. v. 25. März 1923, Beilage: Bäder in der Tschechoslowakei, S. 11.