Prager Dichter. Über R.M.Rilke, Hugo Salus, Friedrich Adler, Emil Faktor, Alfred Guth, F.W. von Oestéren, Oskar Wiener, Camill Hoffmann, Ottokar Winicky. In: Der Lotse. Jg. 1, Nr. 32 v. 1901): 200-202.


Prager Dichter

Auch Prag hat eine Heimatkunst. Seine dunklen Kirchen und Brücken, seine Sagen und Heiligenbilder haben den Dichtern überaus viele Motive geschenkt, die eine Tiefe und eine geheime Schönheit haben. So kommt es, dass allen Dichtern der alten Stadt etwas gemeinsam ist, das immer bei ihnen wiederkehrt und in allen ihren Büchern ist: die Liebe zu Prag und seinen Wundern, die Romantik seiner großen Geschichte und die Traurigkeit seiner Menschen.
Rainer Maria Rilke ist vor allen ein Prager Dichter, der sich noch immer in der Fremde eine fast zärtliche Sehnsucht nach der Stadt seiner Kindheit und seiner Heimat bewahrt hat. Besonders in seinen ersten Büchern können wir das erkennen. Da steht der heilige Johannes von Nepomuk, und die Gebete der armen Leute, die vor seinem Bilde knien, klingen darin. Die Kirchen und Friedhöfe der böhmischen Stadt sehen uns traurig an, und ihre Häuser sind still und heilig wie vor einem Fest und warten auf den Abend. Rilke ist ein Virtuose der leisen Stimmungen, ein Dichter der halblauten Worte und verhaltenen Gesten. Die kostbare und intime Kunst einer frühreifen Technik ist in seinen Gedichten. Für die deutsche Prosa hat Rilke eine neue und wunderbar subtile Art geschaffen. Er liebt das Wort und die Schönheit seiner Impression und hat ein unsagbares Verständnis für die Linie und Melodik des Satzes. „Am Leben hin“, die „Zwei Prager Geschichten“ und seine Märchen „Vom lieben Gott“ sind Novellen und Skizzen von einer verblüffenden Feinheit in Motiv und Behandlung, diskret und still, überglitzert von den graziösen Schönheiten des Details. In der Lyrik rechnet man Rilke bereits zu den Besten in Deutschland. Als blutjunger Poet hat er einen Band Prager Stimmungen herausgegeben und das Buch „Larenopfer“ betitelt. Unfertig und spröde ist vieles in diesen Versen, und doch klingt manches Gedicht darin fast wie ein Gebet und läßt die große und bethörende Schönheit ahnen, die er uns später in „Traumgekrönt“ und im „Advent“, vor allem aber in seinem letzten Gedichtbuche gegeben hat. „Mit mir zur Feier“ hat er es genannt und hat sich damit ein wundersames Geschenk gemacht. Eines der schönsten Lieder Rilkes will ich hier nennen:

Mädchen singen:

Wir haben lange im Licht gelacht,
und jede hat einer jeden
Nelken und Reseden
festlich wie einer Braut gebracht --
und war ein Rätseln und Reden. Dann hat sich mit dem Namen der Nacht
langsam die Stille besternt.
Da waren wir aus allem erwacht
und weit von einander entfernt:
Haben die Sehnsucht, die traurig macht,
wie ein Lied gelernt . . . .

Ein liebenswürdiger Lyriker ist Hugo Salus. Das neckische Spiel mit den Liebesgöttern, mit Mädchentand und Mädchensehnsucht sind sein Plaisir. Er träumt und sinnt, und zuweilen ist es fast Weisheit, was er uns so lose und schalkhaft gesagt hat. Vornehme und manchmal klassische Kunst ist in seinen Gedichten. Auch schwere und tiefe Motive sind ihm nicht fremd, und er weiß uns oft von der dunklen und grausamen Schönheit des Lebens zu erzählen. In seinen „Gedichten“ und „Neuen Gedichten“ finden wir beides. Das fein und elegant pointierte Gedicht und die strenge und reiche Kunst des Grüblers und Offenbarers. Im „Ehefrühling“ erzählt er uns von seinem „stillen Glücke“:

Wir sitzen am Tisch beim Lampenschein
Und sehn in dasselbe Buch hinein:
Und Wange an Wange und Hand in Hand,
Eine stille Zärtlichkeit uns umspannt.
Ich fühle ruhig dein Herzchen pochen:
Eine Stunde schon hat keines gesprochen,
Und keins dem andern ins Auge geblickt.
Wir haben die Wünsche schlafen geschickt.

Salus hat in jüngster Zeit zwei neue Bücher veröffentlicht. Das Gedichtbuch „Reigen“ und das Spiel „Susanna im Bade“. „Reigen“ ist wohl sein reifstes Buch, das die Sicherheit der Technik mit der Fülle des Erlebten paart. Die „Susanna“ ist ein Gedicht, das manche lyrischen Reize enthält und auch den großen Zug des Theaters birgt. Zur Gänze ausgewachsen hat sich das Dramatische dieses Einakters nicht. Das Stück ist im vorhinein für eine „intime Bühne“ geschrieben.
Friedrich Adler und Emil Faktor sind zwei Dichter voll Gedrungenheit der Diktion und schöner Schmucklosigkeit des Verses. Adler, der ernste Künstlermensch, der uns sein Menschentum zu geben sucht und seinen Glauben, Faktor, der junge und stille Poet einsamer Wünsche und Träume, dessen Hand nur zuweilen nach der wehen und bunten Sehnsucht greift, wie sie in den Versen Rilkes und der Jüngsten lebt, von denen ich noch sprechen werde. In den „Gedichten“ und „Neuen Gedichten“ hat Friedrich Adler uns manches Schöne und vieles Wahre geschenkt, für das wir ihm danken sollen. „Was ich suche“ hat Emil Faktor sein Buch genannt, und er antwortet uns selbst darauf:

Ich horch hinaus in Weltverlorenheit
Und lausch und kann die Klänge nicht ergründen.
Ich leg mein Haupt ans wilde Herz der Zeit
Und glühe einsam, ohne zu entzünden.

Und was ich suche - ach, ich weiß es nicht - -
Vielleicht den Stern, der meinen Nächten funkelt,
Vielleicht - o Glück - ein ewiges Gedicht,
Vielleicht den Tag, der niemals sich verdunkelt.

Auch Emil Faktor liebt das alte Prag, wenn die Spätherbstnachmittage in die Straßen kommen und das Ghetto vergessene Geschichten erzählt. Dann lauscht er diesen Geschichten und träumt ihnen nach. Und manches schöne Gedicht ist so geworden.
Alfred Guth hat in seinen Skizzenbüchern, besonders in seiner letzten Sammlung „Vom letzten Tage“ vieles Feinsinnige gegeben und von Oestéren in seinem Epos „Merlin“ die große Fabel tiefer Erlebnisse geschrieben. Spezifisch Prager Dichter sind beide nicht. Ihre Kunst hat ihre Wurzeln nicht in der dunklen Romantik unserer alten Stadt. Aber die Jungen und Jüngsten sind von ihren Märchen umsponnen worden, daß sie nicht lassen können von ihr. Oskar Wiener ist so ein Prager Poet. Die Muttergottesstatuen in den steinernen Nischen und die Glocken und die Balladen der Stadt sind in seinen Gedichten. Oskar Wiener hat eine blendende und überaus suggestive Form für seine Verse gefunden. Das musikalische Moment, das der modernen Lyrik ihre besondere Farbe verleiht, das sorgsame und liebevolle Wählen der Reime finden wir bei ihm. Wiener ist eine Doppelnatur. Hart und schroff und beinahe finster in der Ballade und dann wieder weich und sehnsüchtig und wie ein Kind in seinen Liedern. In seinen „Gedichten“, die vor einem Jahre draußen in Deutschland erschienen sind, stehen wundersame Strophen, die man nicht vergißt, wenn man sie einmal gelesen hat und die einem nachrufen und folgen in den Tag und ins Leben hinein. Eines seiner Lieder will ich hier sagen:

Hans im Glücke

Meine freude hat gleißende Schwingen,
Ein liebliches Mädchengesicht;
Sie kann Lieder von Treue singen,
Treue halten kann sie nicht. Meine Freude hat lachende Blicke,
Einen Mund, der Küsse verspricht;
Und ich wandle wie Hans im Glücke,
Aber glücklich bin ich nicht.

Und was wir bei Wiener finden. ist auch in den Gedichten der andern in der Gruppe der Jungen. Sehnsucht und Romantik und wieder Romantik und Sehnsucht. Camill Hoffmann ist der weiche und scheue Poet einer süßen Melancholie und der halbtraurigen Wünsche, der Dichter traumsilberner Landschaften und schöner Knabenweisen.

Rosen -- ein Cypressenhain
Alte Brunnen fließen.
Übers Meer im Abendschein
Schwarze Schwalben schießen. Aus der weißen Villa dringt
Eine sanfte Klage:
Eine Frau, die spielt und singt
Lieder anderer Tage.

Eine große Stille spinnt.
Die Fontainen steigen;
Und die fernen Lieder sind
Laut gewordnes Schweigen.

Ottokar Winicky faßt das Leben derber an. Seine Sehnsucht klagt nicht, sie schreit. Seine Wünsche brennen. Und seine Worte sind langsam und oft wie ein Choral.
So hat Prag allen seinen Dichtern seine Wunder in die Seele gesenkt, und sie sind zu Worten und zu Liedern geworden in ihren Büchern. Und daß gerade die Jüngsten es sind, die ihre Stadt am meisten lieben, das läßt uns viel für unsere Heimatkunst hoffen.