Die Gesellschaft. Jg. 16. Bd. 4. Nr. 3 v. 1900, S. 199-200.

Tschechische Litteratur


Karel Hlavá_ek: Mstivá Kantiléna. Druhé Vydání. Praha, Moderní Revue.
Jaroslav Hilbert: Psanci. Drama. Praha, Bursík & Kohout.
Emanuel _lechtic z Le_ehradu: Písn_ na pob_e_í. Symposion VIII. Praha-Vinohrady, Hugo Kosterka.
Vor zwei Jahren ungefähr ist in einer schmutzigen Vorstadt Prags der Maler-Dichter Karel Hlavà_ek gestorben. Vor seinem Tode gab er sein zweites und letztes Buch heraus, Mstivá Kantiléna, ein Buch der Rache und des Hungers, der Sehnsucht und des hohnlachenden Sterbetrotzes. Seinem Volke schenkte er dieses Buch, darin seine Wunden und sein Haß, seine Angst und seine heimlichen Gebete waren. Seinem Volke, das ihn arm und traurig sterben ließ, ohne ihn zu kennen. Vor kurzem ist die Gedichtsammlung Hlavá_eks in zweiter Auflage erschienen. Dreißig Seiten umfaßt sie nur. Aber doch ist dieses Buch für die jungen Tschechen von großer Bedeutung geworden. Hlavá_ek ist eine Schule in der tschechischen Moderne. Die jungen Leute werden dies vielleicht leugnen, aber doch ist es so. Nur daß bei ihnen meistens zur Manier wird, was bei Hlavá_ek durch das Organische seiner Sujets und seiner Persönlichkeit bedingt war. Er hat eine kranke und fast lüsterne Ironie in seinen Worten, die seltsam aus dem Wilden und Harten ins Sentimentale und Traurige übergeht. In seinem ersten Buche Pozd_ k ránu verstand er es oft durch einen Apparat von Requisiten zu wirken, der in der zweiten Sammlung vollständig fehlt. Hier ist reine und tiefe, heilige und schmerzliche Kunst. Hier hat ein Dichter gesprochen, der den Tod vor sich sah und sein Herz hat noch nicht sterben gewollt. Hier ist der Schrei des großen, tragischen Humors und sind die Legenden einer Liebe, die voll Resignation und wieder voll Sehnsucht ist. Nervös und manchmal grotesk, krank und zuweilen frech sind seine Gedichte. Hlavá_ek hat eine eigenartig suggestive Form für seine Verse gefunden. Eine Form, die das Motiv mit seltsamen Reimen und einem hysterischen Rhythmus durch die Strophen hetzt, die er virtuos beherrscht und mit der er doch stets zu kämpfen scheint. Der Schluß seiner Gedichte klingt fast immer wie ein Kouplet. Ein Stück der Tragödie wird uns manchmal in diesem Finale offenbar, die uns in seinem Hohne oft wie ein Rätsel gewesen.
Wirr und pervers ist das neue Drama des Jaroslav Hilbert. Psanci hat er es genannt. Das heißt die Verstoßenen, die Parias, die vor der Thüre des Lebens stehen. Die Sensitiven und Sünder, die Märtyrer und Armen am Schicksal. Die Menschen, die krank sind und ein wundes Gewissen haben, die Masken und Hochstapler vor ihrem eigenen Herzen. Die Mitleidigen und Ehebrecher, die Kuppler und Feiglinge. Das Drama dieser Menschen soll das Buch Hilberts sein. Es soll uns von ihrer Angst und ihren Schmerzen und ihren Sünden erzählen. Hilbert hat darin einen großen und eminent tragischen Stoff zu formen versucht. Ihn zu meistern ist ihm nicht gelungen. Er hat uns darin wohl viele Szenen gegeben, die durch ihr Schmerzliches uns erschauern lassen, weil wir ja selbst jeder ein Teil jener Menschen sind und mitleiden müssen an ihren Geschicken. Weil ja auch uns das Leben so oft zu Parias macht und zu Märtyrern unserer Scham. Aber ein Drama ist dieses Buch nicht. Jeder Mensch dieses Stückes trägt eine Katastrophe im Herzen herum. Ein jeder ist bankerott geworden an irgend etwas. Und jeder spricht davon, oder wir erraten es an dem Klang seiner Stimme. Das ist das Tragische in dem Buche. Aber zum Dramatischen wird es nicht. Die einheitliche und große Konzeption fehlt darin, die das Theater verlangt, weil seine Kunst nicht deprimieren soll, sondern erschüttern. Aber etwas hat Hilbert durch seine »Psanci« bewiesen. Daß er ein Sucher und Pfadfinder ist. Auch ein Könner ist dieser Dichter, das wissen wir ja schon lange. Und wir wissen auch, daß er wachsen wird auf den Wegen, die so dunkel und heilig sind wie seine Kunst.
Em. _l. z Le_ehradu ist ein Neu-Romantiker. Seine Písn_ z pob_e_í sind die Gedichte eines jungen Menschen, der sehr viel Sehnsucht und viele Schmerzen hat. Etwas neurasthenisch zuweilen und ein bischen dekadent. So sind fast alle diese Jüngsten unter den Tschechen. Sehr sanft und ohne die Verschrobenheit so mancher der früheren Kämpfer in ihrer Dichtung. Aber auch ohne Größe. Eine Episode ist ihre Kunst in der Litteratur ihres Volkes. Es sind die Erben überkommener Werte, wenn sie auch frei vom Epigonentume sind. Otokar Theer ist vielleicht der einzige, der unter diesen zwanzigjährigen Dichtern einst eine neue Schönheit künden wird in seiner Kunst, die jetzt schon von künftiger Werdesehnsucht und Werdekraft zittert. Em. _l. z Le_ehradu und viele andere dieser jungen Leute sind die Sänger ihrer kleinen Traurigkeiten und Wünsche. Die neue Romantik, die in unsern Tagen wieder durch die Herzen geht, ist verdorben worden bei ihnen durch Cigaretten und Stubenluft. Sie ist blaß und kränkelt. Ein Treibhausfrühling ist ihre junge Kunst, schön und voll seltsamer Blüten, aber ohne den erlösenden Lenzmorgenwind.