S. 128

Die Mutter

Wenn sie das Meer ist
muß man sie leertrinken

Die Stranderfindung des Kindes
wo sie ihre Teller aufstellt
Sie will nichts zu essen
höchstens ein kleines Stück
von ihm selbst
schon eine Fingerkuppe genügt
Es soll sich einteilen lernen
und das ohne Gefühl
Die Gleichgültigkeit
sichert das Überleben

Unsere tägliche Überschwemmung
gib uns heute betet das Kind
während sie über den Strand dahinwogt
aufschäumt zerfällt
In den Lachenresten noch einmal ihr Himmel
den sie ihm ins Gesicht spritzt
und dann ihr Jammer
weil er Schmutzränder hinterläßt

So viel Aufhebens denkt das Kind
wenn sie doch Wasser ist
das alles fortwäscht

Lesung: Gisela Hemau