Königsbrun-Schaup

Die Gesellschaft. Jg. 16. Bd. 3. Nr. 1 v. 1900, S. 13-19.

Die Kunst unserer Väter ist eine Kunst der Plastik und der Linie gewesen, eine Kunst der Form und des Gedankens. Wir jungen Leute haben eine unplastische und in den Konturen verbleichte, eine Kunst des Suggestiven und der Impression zu der unsrigen gemacht. Sie ist geradeso weltabgekehrt wie unsere Sehnsucht. Sie ist innerlich und ohne Aufdringlichkeit in ihrem Wesen. Und das kommt daher, weil wir Jungen und Jüngsten fast alle nur Lyriker sind, ohne den Wunsch und den geheimen Imperativ zu einer größeren That. Die Skizze und das Gedicht sind unsere Kunstformen geworden. Ein Stückchen Farbe und ein Stück Traum, aber nie ein ganzes Leben mit dem bedeutsamen Einerlei seiner Tage und Stunden, mit seinen Symbolen und der subtilen Pragmatik seiner Schicksale. Wir vermögen nur den Extrakt aller dieser Dinge zu geben und darum hat auch selten jemand von den Jung-Modernen einen Roman geschrieben. Jakob Wassermann hat in seinen »Juden von Zirndorf« vielleicht das einzige große Buch unserer jungen Litteratur geschaffen, das diese Benennung rechtfertigt, das in dem grandiosen Spiel dunkel-geheimer Kräfte unsere Krankheit aufdeckt mit ihren Wunden und ihrer seltsamen Trauer. Ludwig Jacobowski hat in seinem »Loki« eine eigenartige Technik angewandt, die in ihrer Kühnheit und Härte uns den Eindruck des Plastischen hinterläßt, im letzten Grunde aber dennoch die modifizierte Styl-Technik der Impressionisten ist. Es sind zwar viele Bücher geschrieben worden in der jüngsten deutschen Litteratur, die den Titel des Romanes tragen, aber sie sind es nicht. Es sind stets nur die Dokumente und die Bekenntnisse einer Seele, die in der Beichte eine Erlösung findet. So »Der Garten der Erkenntnis» des Leopold Andrian und Richard Beer-Hofmanns »Der Tod Georgs». Nur selten findet sich ein Buch, das durch die Sicherheit seiner Komposition überrascht, und die besten Romane unserer letzten zehn Jahre haben jene Dichter geschrieben, die nicht genannt werden unter den Repräsentanten des jungen Litteratentums, die modern sind im Sinne Theodor Storms und Conrad Ferdinand Meyers und trotzdem an unsern großen und kleinen Schmerzen mitleiden, die aber die schöne Kraft und den Willen haben, die wir erst finden müssen.
Ein solcher Dichter ist der Österreicher Königsbrun-Schaup. Die »Bogumilen« sind sein bestes Buch. Es ist ein Stück fesselnder Schilderung aus der aristokratischen Gesellschaft Serajevos, jener Stadt, wo das Abenteuerer- und Hochstaplertum seine üppigen Blüten treibt und die Barbarei des Orients dem Raffinement einer degenerierten Menschenklasse begegnet. Die »Bogumilen« sind ein Klub von Lebemännern und vornehmen Damen aus dieser Gesellschaft von etwas emanzipierten Aristokraten. In einer tollen Laune ward er gegründet und ist eine frivole Persiflage der Lehre des heiligen Bogumil, der einst vor mehreren hundert Jahren der Stifter einer neuen Religion der Liebe in diesem Lande gewesen. Der Atem seiner Lehre geht durch das ganze Buch Königsbrun-Schaups. Er selbst ist ein Bogumile, der in Andacht und schöner Weihe die große Liebe predigt, die die Menschen seines Buches höhnen und schänden und nicht verstehen können. Die Geschichte der dicken Gitty und das Schicksal der blonden Marie, die aus dem Leben geht eines Tages, weil die Liebe ihrer Jugend nach ihrem kranken Herzen greift, daß es schwer und sehnsüchtig wird und traurig, und die Thränen und das sündige Lachen der wunderschönen Daniza - sie sprechen alle eine einzige Sprache zu uns, die voll ist von den Tröstungen und den süßen Lichtern einer Liebe, wie sie von jeher das Wünschen und Träumen aller Dichter und Märtyrer war. Einer freien Liebe, die nicht feig und elend sich verkriecht und verläugnen läßt, die ihr Geschick auf ihre heiligen Schultern nimmt, ohne zu lügen und ohne die Leute zu fragen.
Eine kunterbunte Gesellschaft ist es eigentlich, deren Treiben uns Königsbrun-Schaup in den »Bogumilen« aufrollt. Grafen und Gräfinnen und entlaufene Töchter von bosnischen Tabakshändlern, reiche Türken und manche andere sehr seltsame Gestalt. Ein Milieu voll bunter Farben und Kontraste, voll Abenteuertum und wilder, fremder Schmerzen. Am Tennisplatz lernen wir diese Leute kennen, im Ballsaale und im Salon. Der Dichter giebt den Ton der vornehmen und pseudovornehmen Gesellschaft mit einer sicheren Nachlässigkeit wieder und versetzt die Gestalten seiner Dichtungen mit einer gewissen Vorliebe in den Kreis jener affektierten Noblesse, die auch Detlev von Liliencron nicht ungern aufsucht, mit dem der Prosateur Königsbrun-Schaup auch sonst mannigfache Berührungspunkte hat. In den »Bogumilen« führt er uns mitten hinein in die Hohlheit und Verderbtheit dieser Gesellschaftsschichte. Der dumme Kerl von einem Lieutenant, der neurasthenische Baron, der in Musik und Leben dilettiert, und trotz seiner leichtlebigen Allüren ein tiefinnerlich elender und verfehmter Mensch ist, Daniza, die Buhlerin mit dem frechen Munde und der frechen Schönheit, der Graf, dem unter dem Malteserkreuz auf seiner Brust ein kaltes und gebändigtes Herz voll Strebertum und Ichtum schlägt - das sind die Menschen, die der Dichter als Folie für die Schicksale seiner Lieblinge gezeichnet hat, jeder von ihnen ein Kabinettsstück tadelloser Beobachtungskunst und ein Typus einer Gattung. Und mitten unter diese Leute hat er ein paar gar treue und gute Menschen gestellt, mit einem hilflos-kindischen Glauben und einer leisen Scheu vor der Blasiertheit dieser andern. Ein stiller Schrecken liegt in ihren Augen von Anfang her, eine Sehnsucht und ein rührendes Nicht-Begreifenkönnen. Aber auch die »andern« hat der Dichter lieb. Die Schlechten und Finstern, die Kranken und Häßlichen. Es ist ein großes Verzeihen in seinen Worten, ein gütiges Verstehen und heimliches Lossprechen von ihren Sünden. Er kennt ja die Last, die alle diese Menschen durchs Leben tragen. Sein Dichter- und sein Kinderherz hat ja ihr Bestes und ihr Geheimstes erraten. Die blonde Marie geht in den Tod und Daniza lebt weiter als Buhlerin. Und beide sind sie gute Menschen, weil beide elend sind und sehnsüchtig nach der Liebe. Das ist die Religion des Dichters. Sein Bogumilismus.
In eine wundersame Traumstimmung ist der »Hundstagszauber« Königsbrun-Schaups getaucht. Auch dieses Buch hat er einen »Roman« genannt. Der Roman des Dichters selbst ist es, den er in einer Dresdner Pension mit einer Fürstin erlebt und insofern darf er das Buch so nennen. Aber ich glaube trotzdem, daß dieser Titel nur einer gewissen Art von Büchern gebürt <sic> , und daß die überkommene Definition wohl das Formale, nicht aber das Essenzielle und das Substrat des Romanes umfaßt. Ein Roman ist meiner Meinung nach ein Buch, das uns ein Stück Leben und ein Stück Welt in seiner Vielseitigkeit und Buntheit enthüllt und das uns mit dem äußeren Geschehen zugleich das innere Werden und Wissen der Dinge verrät. Das uns eine Religion giebt oder einen Glauben.
Ein Buch, in dem viele Fäden sich knoten und viele Geheimnisse offenbar werden. In dem uns die Schicksale lehren - die Menschen verstehen. In denen entweder der Haß oder der Spott, der Hunger oder die Sehnsucht, Christus oder die Liebe sind. Fedor Dostojewskis »Raskolnikow« ist so der gewaltigste Roman der Moderne. Ein Buch, das die Jahrtausende überdauern wird, weil es visionär und voll von Gott und dem Wunder ist. Der »Hundstagszauber« hat manches von diesen Büchern. Aber ich glaube, er hat nicht genug davon. Es ist ein Bekenntnis und eine Beichte, wie es die Bücher der ganz jungen Österreicher sind. Es läßt uns keine Perspektiven offen und schenkt uns keinen Glauben. Es ist eine Stimmungsnovelle im großen Style von oft wunderbarer Feinheit. Seelenflirt vor der Liebe. Und dann die Liebe selbst - wie ein Märchen. Es ist etwas an dieser Liebesgeschichte, das mich an des großen Hamsun »Viktoria« erinnert hat. Etwas Neues und sehr Junges, die Liebe der modernen Menschen, die da elend und traurig sind. Ein Fliehen und Suchen, ein Finden und Wiederverlieren. Ein Gebet voll Demut und Stolz, voll Thränen und Seltsamkeiten. Wie der Müllerssohn Viktoria liebt, so liebt unser Dichter die Fürstin. In roten Tulpen hat er sie einst gesehen und sie sprach zu ihm: Ich bin der Tod. Und lange dauert es, bis sie im Leben sich finden, die in den Träumen sich gesucht. Dann aber ist es wie ein tönendes Fest für sie. Im Großen Garten kommen sie des Nachts zusammen, die Fürstin und der Dichter, wenn die Rosen so dunkel und alle Wege so heilig sind. Und ihre Liebe ist voll Glanz und Schauer und heiß und jung und voll Qual. Bis das Leben sie trennt und das Buch und der Traum zu Ende sind. -
Auch eine Sammlung Novellen hat Königsbrun-Schaup veröffentlicht. »Tausendlust« hat er das Buch genannt. Tausendlust - das ist ein altes Schloß im Kainachthale, wo der Dichter einen Sommer lang gewohnt und jene Erzählungen geschrieben hat. Und sie sind auch so luftig und duftig wie der Sommer selbst. Wenn der Abend ihm goldene Funken in die Stube warf und in den Fenstern die roten Wolken brannten, dann schrieb er wohl die Geschichte von der aldobrandinischen Venus und der Gärtnerstochter im Taubentempel. Voll süßer Grazie sind diese Erzählungen. Zuweilen ist eine leise Wehmut darin, wie in der Geschichte von Elsi und Pepi und ihrer Liebe. Aber es liegt ein goldiger Schimmer über diesen Sommernovellen, der den Schmerz verklärt und die Trauer sanft und tändelnd macht. Zur Resignation wird hier das Wunde und das Weh wird süß in der Erinnerung.
In den »Gedichten« und »Märchen« Königsbrun-Schaups habe ich manches Schöne und manches Liebenswürdige gefunden. Sein Lied von der »Geduld« hat mich sehr gerührt. Es ist das Lied eines Menschen, der viel im Leben hat warten müssen und viel versäumt hat über dem Warten. Und der dies Wort darum haßt, weil es ihm schmerzlich ist und voll Trauer. Es ist auch das Lied, das de Fürstin so liebt im »Hundstagszauber«. Aber dennoch fehlt seinen Gedichten jenes bedeutsame lyrische Moment, das in den Versen unserer Jüngsten zu finden ist. Königsbrun-Schaup ist ein Romancier und ein glänzender Prosateur, aber er kennt die virtuose Technik unserer neuen Lyrik nicht. Seine Motive sind stark und seine Form ist glatt und gefällig, aber sie ist nicht suggestiv. Darum giebt er uns ja auch zumeist nur Gedankenlyrik und epigrammatische Verse, Pointen und Splitter. Die reine Lyrik ist ihm fremd. Zuweilen zwar kommt sie zu ihm zu Gaste, wie in dem Gedichte »Geduld«, aber er weiß nicht, wie er sie fesseln soll und ihre Sprödigkeit meistern. Geschenke sind ihm solche Gedichte und schöne Gaben. Daß er sie uns nicht vorenthielt, dafür sollen wir ihm dankbar sein.
Königsbrun-Schaup hat auch ein langes Gedicht geschrieben, das er »Der ewige Jude in Monte Carlo. Ein Wintermärchen von der Riviera« genannt hat. Es ist in dem Tone des Heineschen Wintermärchens gehalten und ist durchsetzt von einem feinen Humor und einem beweglichen Esprit. Und es ist ein schöner Gedanke des Dichters, Heinrich Heine den ewigen Juden zu nennen. Der gerade und schlichte, der ernste Deutsche Königsbrun-Schaup hat eine demütige und große Liebe zu dem toten Sänger der Lorelei. Der frivole und cynische Pariser hat den Weg in sein gütiges Herz gefunden. Es ist für mich immer eine seltsame Freude und eine wehmütige Dankbarkeit, wenn ich lese oder höre, daß jemand unsern großen Heine liebt. Und daß es gerade die jungen deutschen Dichter sind, das ist ein gutes Zeichen für unsere Kunst und unsere Kultur. Das ist ein Beweis, daß die Zeiten des Schlafrocks und der lorbeergeschmückten Schweinsrüssel endlich vorüber sind, daß die Zeit des »kranken Juden« endlich tagt, in der ihn alle verstehen müssen. Es haben ja alle am eigenen Leibe seine Schmerzen erfahren. Und darum geht jetzt wieder eine große Liebe zu Heine durch das Land. Ein unendliches Verzeihenwollen, eine süße Sehnsucht ohne Ende. Es steigt ja die alte Romantik wieder aus dem Grabe empor, gegen welche Heine so bitter gekämpft und deren Knecht und Meister er doch gewesen. Sein Schicksal beginnt die Leute zu rühren und sie vergeben ihm seine Witze. So macht es das deutsche Volk, aber seine Dichter machen es besser. Sie verzeihen und vergeben nicht, weil sie nichts zu verzeihen haben. Sie haben ja nur empfangen und ihre Dankbarkeit ist ihre Liebe. So ist auch Königsbrun-Schaup. Wie Richard Dehmel hat er dem großen Juden Heine ein Gedicht geschrieben. Dem ewigen Juden, der nicht sterben kann und nicht sterben wird unter den Menschen.
Es ist seltsam, daß gerade jene Dichter, die ohne Krankheit und ohne Krampf ihrem Volke gute und ruhige Bücher gegeben, die den Gewinn aus gährenden Kämpfen in sich bergen, dem großen Publikum gleichgiltig sind. So ist es der edlen Kunst Mörikes ergangen, so scheint es bis jetzt das Schicksal Königsbrun-Schaups gewesen zu sein. Ich weiß nicht, aber ich glaube, die Leute und insbesondere die Leute in Österreich kennen ihn nicht. Ich will nicht sagen, daß er nicht gelitten und nicht gekämpft, daß er ein Bourgeois unserer Litteratur ist. Auch er ist ein Prophet und ein Märtyrer wie alle unsere Modernen. Aber er ist es ohne Pose und er ist nicht unfertig und nicht bizarr in dem Wesen seiner wunden Entwicklung. Und in seinen besten Büchern giebt er uns sein Errungenes und Erworbenes. Einen kostbaren Schatz, der das Resultat seines Lebens und seiner Liebe zur Schönheit ist. Positive Kunst ist in diesen Arbeiten, die ein Stück unserer Litteratur bilden und nicht bloß die Dokumente unserer Sehnsucht und unseres Wollens sind, wie so manches interessante und schöne Buch unserer Tage. Es ist eigentlich ein gutes Zeichen für den tiefen innern Wert seiner Romane und Geschichten, daß sein Name nicht unter jenen genannt zu werden pflegt, die symptomatisch sind für die Gefahr und vielleicht auch für die Zukunft in unserer Kunst. Ein Zeichen dafür, daß er nicht nur ein Sucher und Träumer war in der Wüste, daß er auch ein Vollender und Geber geworden ist. Über der Stimme der Suchenden und der Wanderer vergißt man ja so oft die Worte der Einsamen, die eine Hütte gefunden haben nach langen Wegen und einen Spruch. Der Kampf und die Sehnsucht in unserer Kunst hat uns müde und frühreif gemacht. Zwischen vielen Lichtern stehen wir und wissen nicht, welches unsere Flamme ist. Wir haben viele Religionen und keinen Gott. Und selten ist heute noch einer unter uns, der ein Wissen und einen Glauben hat. Königsbrun-Schaup ist einer von ihnen. Ein uraltes Wissen und ein alter Glaube ist es. Denn alt und ewig ist die Wahrheit. Die Liebe hat er gefunden auf seinen Wegen und nun wohnt sie in seiner Hütte. Sie ist blond und hat nachtkranke Augen. Diese Augen wissen viel und haben wenig geträumt. Sie wissen von der Marter derer, die allein und ohne Sünde und ohne Opfer sind und ohne Erinnerung. Sie wissen vom Herzen, das wund ist und buhlerisch und doch wie ein Wunder. Und von den Frauen wissen sie und ihrem Verhängnis. Wie es schreit und hungert in ihnen. Wie es zum Schicksal wird. - Das ist die Liebe, wie sie zu Königsbrun-Schaup gekommen ist. In den »Bogumilen« ist sie zum Choral geworden und zur Messe. Einen Altar hat ihr der Dichter hier errichtet und hält Gottesdienst. Der rote Wein seiner Schmerzen duftet und Gott ist die Seligkeit. Und Gott ist die Liebe. -
Das Leben hat Königsbrun-Schaup zum Dichter gemacht. Noch hat er uns sein Reifstes und Bestes nicht gegeben. Noch hat er sein »Buch« nicht geschrieben. Friedrich Nietzsche sprach einmal davon, wie jeder schaffende Mensch dereinst sein »Buch« schreiben müsse und seine That thun. Wie Goethe seinen»Faust« und er selbst den »Zarathustra«. Das Buch Königsbruns wird groß und heilig sein und die Menschen werden gut und wehmütig werden durch seine Worte. Und die Liebe wird in dem Buche sein.
Fußnote: Die Bogumilen. Roman aus Neu-Oesterreich. 2. Auflage. 4 M. - Hundstagszauber. Dresdner Roman. 3 M. - Tausendlust. Märchen. 2 M. - Neue Märchen. 2 M. - Gedichte. 2. Auflage. 1,50 M. Sämtlich in E. Pierson's Verlag in Dresden erschienen.