Nächte mit Moissi.

In: Nachlass Prag: Ts. [1927] [entspricht nicht dem Artikel mit dem gleichen Titel in DZB]

Nächte mit Moissi

Die Weltläufigkeit, die er heute besitzt, die kluge beherrschte Art über Kunst und Menschen zu sprechen, fehlten ihm damals gänzlich. Er war einer, in dem etwas glühte, gegen Grenzmauern hämmerte, gegen Zwang und Beschränkung losbrach. Im Verkehr mit den prominenten Geistern der letzten Jahrzehnte, der durch Aufstieg, Ruhm, Karriere bedingt war, ist er der ausgeglichene Mensch, der klar bewusste und beobachtende Künstler geworden. Damals war er ein Junge. Ein Ungebärdiger, der vom Ausmass seiner Kraft keine Ahnung hatte, ein von Ungestüm Geblendeter, der ohne Kontrolle nach Formlosem tastete. Das Bizarre seines Wesens war eher Hemmschuh als fördernder Faktor. Die Gesellschaft, der er sich anschloss, seine eitle Manier, die so unverschleiert an Philistertöterei erinnerte, verstimmten. Das künstlerische Fazit seiner Prager Jahre war ein bedenklich geringes. Angelo Neumann, der den waghalsigen, <in der Kopie fehlt eine Zeile> beschäftigten Anfängere gleich zu Beginn in einer grossen Rolle vor die Rampe stellte, zog unmutig seine Hand von ihm. Von Biedergesinnten mit Misstrauen abgelehnt, von den Entgleisten mit Jubel empfangen, enttäuscht, des Genies verdächtig, wusste der Jüngling Moissi in der Krise hemmungsloser Bereitschaft, sich dem Leben hinzugeben, keine andere Zuflucht als die Prager Nächte.
Wenn ich heute, nach mehr als zwanzig Jahren, mir die Methode gegenwärtig mache, mit der wir unermüdlich in den Niederungen der Abgefeimtheit dem Phantom nachspürten, das sich uns häufig genug als „Abenteuer” präsentierte, will sie mir wenig gefallen. Moissi fühlte sich wohl in dieser Umgebung, die sein Temperament mit Romantik bevölkerte, die ihm antibürgerlich und wagemutig schien, in der er beharrlich zwischen Morgen und Mitternacht den Bedeutungslosigkeiten nachtrachtete, die eine findige Nachtindustrie als Freude drapierte.
Wenn die Geigenkünste schofler Kaffeehausspieler unser Blut erhitzte, wenn die zweifelhafte Runde später Schwärmer Not und Nichtsnutzigkeit ihres Daseins mit schalen Likören hinunterspülte, kupplerische Kellner mit verkniffenen Visagen vor „Lebemännern” dienerten, Vorhänge sich grossprecherisch vor separierten Nischen bauschten, fing Moissi gewöhnlich zu singen an. Er sang, was der Stunde und ihrem Tribut entsprechend war: Gassenhauer, Schmachtfetzen, gangbare Operettenschlager, zum Schluss seiner italienischen Heimat zum Preis den urewigen welschen Kantus von den trügerischen Frauenherzen. Klavierspieler und Geiger machten eine Pause, die Damen der Bedienung himmelten und die Gäste am Nebentisch grüssten vertraut und baten um eine Zugabe.
Natürlich gab es auch Zwischenfälle in der leicht entzündlichen Welt der Flamender und Desperados. Ich erinnere mich an einen Zusammenstoss in der intimen Chantantstube „Zur Stadt Wien” in der Hybernergasse, wo ein aufgeregter Besucher seinen schön polierten Spazierstock auf dem Kopfe Moissis zerschlug, der ihn darauf wie ein Büffel anrannte und nach kurzem Faustkampf zur Strecke brachte. Wie wir nachher erfuhren, war es ein reichsdeutscher Schnapsagent auf der Durchreise, dem unser fahrlässiges Benehmen während der Vorstellung in die Krone gefahren war. Der Vorfall endete einige Wochen darauf mit einer kleinen Gerichtsverhandlung. Der schlagfertige Kunstfreund wurde auf Grund polizeiärztlichen Befundes, der auf Moissis Schädel erhebliche Schrammen und Anschwellungen feststellte, zu einer Geldstrafe verdonnert, die er lächelnd bezahlte.
Die Tage, die diesen Nächten folgten, verschlief man meistens. Warnend, um meine Gesundheit besorgt, erhob Moissi immer wieder die Stimme gegen meinen Lebenswandel, den er einen verkehrten nannte, weil ich am Morgen nach meinen nächtlichen Streifereien in mein Büro ging, statt mich, wie er, im Bett für den nächsten Abend zu stärken. Seiner künstlerischen Entfaltung haben die Bummlerjahre nicht geschadet. Mit guter Witterung erkannte er am Ende selbst den Zetpunkt, wo es nötig wurde, die Prager Idylle zu beendigen. Jählings wie alle wirksamen Entscheidungen kam sein Entschluss. Er floh vor den Prager Nächten in die taghelle Wachsamkeit Berlin. Dort im Bannkreis der Zukunft, hatten sie keine Macht über ihn.