Das Liebesduett im zweiten Akt – eine musikalisch bedingte Erweiterung?

Die folgende Text-Gegenüberstellung zeigt, dass die Buchausgabe der ›Komödie für Musik‹ (linke Spalte), die 1911 im S. Fischer Verlag erschien, einen schlichteren Text als das 1910 bei Fürstner erschienene, auf Strauss‘ Partitur basierende Libretto (rechte Spalte) bietet. Vor allem fehlt in der Buchausgabe das sehr bekannte Liebesduett Octavian – Sophie, von dem viele ›Rosenkavalier‹-Experten annahmen, es sei von Strauss um der Musik willen gewünscht und von Hofmannsthal nachgeliefert worden. Auch Willi Schuh nannte in seinem grundlegenden Aufsatz zur Entstehungsgeschichte ( S. 83) »das zärtliche zweite Liebesduett Mit ihren Augen voll Tränen im zweiten Akt« eine »musikalisch bedingte« Erweiterung.

 

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Dass die vielfach in der Forschung aufgetauchte Schlussfolgerung, Hofmannsthal habe auf Strauss‘ Bitte hin das Liebesduett nachgereicht, nicht richtig ist, konnte in der Kritischen Ausgabe des ›Rosenkavalier‹ nachgewiesen werden. Die Zusammenhänge sind viel komplexer, als es bei bloßer Gegenüberstellung von Buchfassung und Operntext scheint, denn die Entstehung des Duetts muss im Zusammenhang einer von Strauss initiierten grundlegenden Umgestaltung des zweiten Akts gesehen werden, was im Folgenden mit Hilfe der wichtigsten Eckpunkte der hierzu geführten damaligen Diskussionen nachgezeichnet werden soll.

Nach Erhalt seines Handexemplars der ersten Fassung des 2. Akts schrieb Richard Strauss am 9. Juli 1909 die in der späteren ›Rosenkavalier‹-Forschung oft zitierten Zeilen (Kritische Ausgabe, S. 614 f.) :

Drei Tage Schnee, Regen und Nebel haben heute einen Entschluß in mir gereift, den ich Ihnen nicht länger vorenthalten will. Bitte nicht böse sein und alles ruhig überlegen, was ich Ihnen jetzt sage. Schon bei der ersten Lektüre des II. Aktes fühlte ich, daß daran was nicht stimmte, daß er matt und flau sei und die richtige dramatische Steigerung entbehre. Heute weiß ich auch ungefähr, was fehlt. Der erste Akt als Exposition mit seinem beschaulichen Schluß ist ausgezeichnet. Der zweite entbehrt des notwendigen Gegensatzes und der Steigerung, die unmöglich erst der III. Akt bringen kann. Der III. muß die Steigerung des II. noch übertrumpfen, das Publikum kann nicht bis dahin warten, mit einem flauen Erfolg des II. Aktes ist die Oper verloren. Auch ein guter dritter kann nichts mehr herausreißen.

Die wichtigste Neuerung, die Strauss vorschlägt, ist ein Duell zwischen Octavian und dem Baron. Ehe es dazu kommt, soll die ursprüngliche Szene zwischen Octavian und Sophie gestrafft werden (Kritische Ausgabe, S. 615):

Also bis zum Auftritt des Barons ist alles famos. Aber von hier ab muß es anders werden.
    Die zwei Szenen des Barons mit Sophie sind falsch disponiert. Alles Wichtige dieser beiden Szenen muß gleich in die erste Szene hinein, in der sofort der Baron Sophie so unsympathisch werden muß, daß sie den Entschluß faßt, ihn nie zu heiraten. Octavian muß Zeuge der ganzen Szene bleiben, innerlich immer wütender werden, wenn der Baron, sich vor ihm gar nicht genierend, im Gegenteil ihm als jungen Dachs mit seinem Glück bei Weibern vorrenommierend, mit Sophie seine Kapriolen macht. Dann Abgang des Baron zur Unterschrift nebst seinen Abschiedsworten an Octavian, wo er ihm rät, Sophie etwas zu »degourdieren«.
    Dann Erklärung zwischen Octavian und Sophie nebst dem Knalleffekt der Überraschung durch die beiden Italiener. 

Strauss bezieht sich dabei auf sein Handexemplar der ersten Fassung (Stadium 14). Der im Brief erwähnte Auftritt des Barons steht dort am Ende der Seite 9 und Anfang S. 10:

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In der Kritischen Ausgabe ist die Szene innerhalb der synoptischen Darstellung (S. 319, 6 ff.) nachzulesen. Der halbfett gesetzte Text entspricht dem Text der Partitur. Bei dem mit Stadium 77 gekennzeichneten Text handelt es sich um eine spätere Ergänzung aus der redaktionellen Schlusskorrektur der Druckvorlage des Librettos, das an dieser Stelle von der Partitur abweicht):

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Nach dem Eintreten des Barons präsentiert Faninal dem künftigen Schwiegersohn seine Tochter Sophie, die sofort über das Benehmen des Barons empört ist. Dieser wird dann zunächst in seiner Inspektion der Braut unterbrochen und ins Nebenzimmer zur Abwicklung der juristischen Formalitäten gebeten. Kaum ist er abgegangen, kommt es trotz der Gegenwart der Duenna zu einem sehr offenen und privaten Gespräch zwischen Sophie und Octavian. Beide sind über das Benehmen des Barons schockiert, doch Sophie meint, ihn trotzdem heiraten zu müssen, da nur der hochadelige Stand sie vor den Hässlichkeiten der Welt schützen könne, die sie sogar in ihrer Schulzeit im Kloster erlebt hat. Während dieser ersten zaghaften Annäherung wird die Duenna vom Haushofmeister nach draußen um Hilfe gerufen, das Gespräch der beiden wird noch freier und endet in Octavians Geständnis Ich hab Sie recht von Herzen lieb sowie einem Kuss, der durch die Italiener unterbrochen wird.

Da Strauss die Neugestaltung des Akts sehr wichtig war, präzisierte er seine Wünsche einen Tag nach Absenden der ersten Kritik nochmals brieflich und bittet, alles Wesentliche der Szene zwischen Octavian und Sophie vorzuziehen, so dass nach Abgang des Barons sich die Handlung rasch zuspitzt, indem Sophie ausbricht (Kritische Ausgabe, S. 615) :

»Retten Sie mich vor diesem Ungeheuer« und Octavian in die Arme fällt und nur ein kurzes leidenschaftliches Duett bis zum Kuß und Überraschung durch die Italiener.

Hofmannsthal stimmt der Kritik grundsätzlich zu, bittet aber um etwas mehr Flexibilität, möchte radikalere Änderungen erst nach Seite 14 unten ungefähr vornehmen. So setzt die Handschrift der Überarbeitung (Stadium 32) mit einem Hinweis auf Seite 15 des Strauss'schen Typoskripts ein. In etwa der Mitte der Seite steht dort der Satz des Barons:

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- was sich in der handschriftlichen Überarbeitung wie folgt darstellt:

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Der Satz zur offenherzigen Galanterie bleibt erhalten, nach dem Abgang des Barons gibt es neuen Text:

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Die Schilderung Sophies von ihrer Zeit im Kloster, ihre Begründung, warum sie strebt, Adlige zu werden, fallen weg. Die sich entwickelnde Liebeserklärung aber weitet Hofmannsthal aus und fügt ein lyrisches Liebesduett hinzu, wie er Strauss am 26. Juli mitteilt (Kritische Ausgabe, S. 619, 29 ff.):

Bin mit großem Fleiß und Liebe an der Arbeit, die Szenen sind umgestellt, das zweite Duo Octavian-Sophie hat nur seinen letzten gefühlsmäßigen Höhepunkt behalten, ohne alles Retardierende, ist dafür um ein zartes, jugendliches, wie ich glaube, sehr hübsches Liebesduett von 21 Zeilen vermehrt, [...].

Dass es Hofmannsthal nicht ganz leicht fiel, in der zweiten Julihälfte 1909 im Zusammenhang der grundlegenden Umarbeitung dieses Liebesduett von 21 Zeilen zu verfassen, zeigen die Handschriften: Es ist zweimal in der Niederschrift der Neufassung des zweiten Akts enthalten (Stadium 32, Text des Duetts: Kritische Ausgabe, S. 336, 17 ff.): als Vorentwurf und dann als eine erste Fassung, die allerdings auch noch starke Varianz enthielt. Der hier gebotene Handschriften-Ausschnitt stammt aus einem dritten Ansatz zu den Anfangsversen Octavians:

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Die Zählung sämtlicher Verse des Duetts wird in der Kritischen Ausgabe nur in einer Fußnote erwähnt, die frühe Niederschrift mit ihrer starken Varianz mit Hilfe von Stufungen und diakritischen Zeichen dargestellt: „B“ ersetzt also „A“, „2“ die „1“ usw., und ein Schwanken Hofmannsthals zwischen zwei Möglichkeiten (im abgebildeten Beispiel zwischen Mit den Augen voller Thränen und Mit viel Thränen in den Augen) wird in der Darstellung mit den diakritischen Zeichenp1gleich p2 angezeigt. Bei der folgenden Wiedergabe der ganzen Niederschrift des Duetts, wie sie die Kritische Ausgabe bietet, ist die Endstufe, aus der anschließend eine Reinschrift hervorging, hier für bessere Erkennbarkeit gelb markiert, der Wortlaut von Fußnoten wird nicht geboten).

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Die Seiten der Niederschrift der Neufassung des zweiten Akts  (Stadium 32) wurden anschließend Grundlage für eine Reinschrift (Stadium 33, Kritische Ausgabe, S. 339, 35ff.). Ende Juli 1909 merkte Hofmannsthal in seinem Tagebuch an:

Samstag: [...] Vormittag beende ich die Reinschrift der Umarbeitung des IIten Actes der Spieloper.

Die erwähnte Reinschrift diente dann als Vorlage für ein Typoskript, das das neue Handexemplar von Strauss (Stadium 34) wurde. Im Gegensatz zu früheren Typoskripten scheint es aber, dass es keinen Durchschlag (also Kopie) gab, sondern Hofmannsthal die Reinschrift als Arbeitsgrundlage benutzte, da er in einem Brief vom 15. August erwähnt (Kritische Ausgabe, S. 625):

Leider ist mein Manuskript und Ihre Abschrift nicht gleich paginiert.

Strauss erhielt sein neues Handexemplar (Stadium 34) wohl Ende Juli/Anfang August, denn am 3. August schrieb ihm Hofmannsthal (Kritische Ausgabe, S. 622):

Hoffe, Sie haben an dem 2. Akt nun Freude, die Sie in erster Linie sich selber verdanken.

Doch Strauss zeigte nicht nur Freude an der Neufassung und sandte seinem Librettisten am 13. August 1909 eine längere Kritik, die sich vor allem auch auf das Liebesduett bezieht, das Hofmannsthal so gut gefiel (Kritische Ausgabe, S. 624,5ff.):

Nun aber noch etwas Wichtigeres!
Von Seite 19 ab die Szene zwischen Sophie und Octavian, ist mir noch nicht recht. Ich brauche da etwas viel Leidenschaftlicheres. Nach der vergangenen Szene und vor der unheilschwangeren Szene, wo der Baron die zwei überrascht.
Das Jetzige ist zu zahm, zu geziert und zaghaft und zu lyrisch, und das Duettchen werde ich wohl nicht placieren können, da ich die Lyrik bereits am Anfang des 2. Aktes stark aufgebraucht habe. Können Sie mir diese Szene nicht noch neu zustellen?
Sophie viel entsetzter und verzweifelter, sich Octavian direkt an den Hals werfend, von Seite 21 ab Steigerung – Steigerung und nichts Sanftes mehr.
Ginge es? Wenn nicht, muß ich auch mit dem fertig zu werden suchen.
Aber ich empfinde hier etwas ganz anderes an der Stelle als die Stimmung des zärtlichen Schweigens.
Zuerst leidenschaftlicher Ausbruch Sophies: »Lieber Vetter, rett Er mich, schaff Er mir dies Scheusal vom Hals, ich geh lieber ins Kloster, als den Bauern heiraten« und dann allmählich zur vollen Liebeserklärung übergehen bis zum Kulminationspunkt, wo die Italiener losschreien!

Wie stets folgte Hofmannsthal den Wünschen seines Komponisten. In seiner erneuten Umarbeitung dieser Szenen ließ er alle lyrischen Passagen weg, strich also das ganze Duett und behielt im Grunde nur den Schlussvers (Bleib er bei mir) bei, auf den er eine noch stärkere Betonung legte, wie er in seinem Begleitbrief zur Überarbeitung vom 2. September [1909] erwähnt (Kritische Ausgabe, S. 626, 23 ff.):

Insbesondere das beliebig zu wiederholende: „O blieb' er nur bei mir!“ gibt vielleicht den gewünschten Anlaß zu gesteigerter, nicht bloß zärtlicher Musik. Zu einem eigentlich erotischen à la Wagnerischen Aufeinanderlosschreien möchte ich diese beiden jungen, naiven, gar nicht walküren- oder tristanartigen Geschöpfe womöglich nicht zwingen. Paßt es noch nicht ganz, so bitte ich gleich um eine Zeile, wir werden's schon finden.

Und wirklich war Strauss, wie Hofmannsthal schon vermutete, nicht beeindruckt von der erneuten Überarbeitung, der Komponist behielt die ursprüngliche Fassung mehr oder weniger bei – einschließlich des von ihm vorher so stark kritisierten Duetts, was er aber seinem Librettisten gegenüber nicht erwähnte, der an Strauss am 16. September hoffnungsvoll schrieb (Kritische Ausgabe, S. 627, 15 ff.):

Aus Ihrem Schweigen möchte ich schließen, daß es mit der Duoszene jetzt stimmt[...]

Das paradoxe Endergebnis war, dass der Text der erneuten Umarbeitung in Hofmannsthals Buchausgabe aufgenommen wurde, dort das Liebesduett also fehlt, während der von Strauss zuvor so scharf kritisierte Text Teil der Partitur (und somit des Librettos) blieb, Strauss also seinem Diktum folgte, das er nach Übermittlung seiner Wünsche schon im Brief vom 13. August ausgesprochen hatte: »Ginge es? Wenn nicht, muß ich auch mit dem fertig zu werden suchen.«